Der Steyr des Präsidenten

Kaufvertrag Bundespräsident hainisch über einen Steyr Lastwagen für seinen Bauernhof - Bill of Sale president austria Truck farm

English summary below

 

 

Als der spätere Bundespräsident Michael Hainisch 1858 in Schottwien, Niederösterreich, als Sohn eines wohlhabenden Baumwollspinnerei-Besitzers geboren wurde, war die Welt eine völlig andere als sie der studierte Jurist und Volkswirt Mitte der 1920er Jahre um sich herum vorfand.

 

Weder Automobil, noch eine Republik Österreich waren einst vorstellbar. Nach langen Jahren im Staatsdienst machte Hainisch nach 1918 Karriere, zunächst Generalrat der Nationalbank und am 9. Dezember 1920 wurde er schließlich sogar Bundespräsident. Heinisch, nach Seitz der zweite Präsident der jungen Republik, war ein Kompromiss zwischen den Parteien, wird als beliebt und bodenständig beschrieben, 1924 auch wiedergewählt und setzte 1928 nach Ende der 2. Amtszeit zunächst als Handelsminister die politische Karriere noch weiter fort, eher es sich ins Privatleben zurückzog.

 

 

Im Jahre 1925, erst kurz zuvor wiedergewählt, kaufte Bundespräsident Dr. Michael Hainisch, wie die Rechnung belegt, der „Automobil-Abteilung der Österreichischen Waffenfabriks-Gesellschaft in Steyr“, also noch bevor diese zur Steyr-Werke AG wurden, ein Fahrzeug ab. Doch anders als man es erwarten könnte, keine (Luxus-)Limousine, sondern einen Lastwagen.

 

Wie der Kaufvertrag vom 18. Juni 1925 knapp spezifiziert einen „Lastwagen“ beschrieben mit: „Sechszylinder, Nutzlast 2.500kg“ um 17.000 Schilling. – man darf wohl vermuten, ein Steyr III, womit aus den 6-Zylindern mit zusammen 3325 ccm Hubraum die aus der Literatur bekannten rund 34 PS bei 1700 U/min zur Verfügung standen.

Im Kaufpreis übrigens inbegriffen „Bosch Licht mit Anlasser, ein kompletter Satz Werkzeuge, Ersatzteile, umklappbare Bordwände, Chauffeurssitz mit Lederkissen und Regendach, Spriegel für Plateaudach und ein Reserverad.“

Doch wofür brauchte der Bundespräsident einen Lastwagen und noch dazu mitten während seiner Amtszeit?

 

 

Die kurze Antwort lautet, um Milch ins Tal zu bringen. Die längere Antwort mit Hintergrund muss zumindest so weit ausholen, dass der sozial- und agrarpolitisch aktive Hainisch ein 651 Hektar große Areal nahe Spital am Semmering besaß und dort das „Mustergut Jauern“ schuf. Ein Komplex aus mehreren Höfen, welche auf etwa 1200m Höhe spezialisiert auf alpine Vieh- und Milchwirtschaft waren und sowohl als Vorbild wie als Testgelände für modernisierte, teils elektrifizierte, Landwirtschaft diente. Der vielfache Ehrendoktor und Mitglied der Akademie der Wissenschaften sorgte hier für eine genau erfasst der Ergebnisse, gleichzeitig auch für eine regelmäßige medial verbreitet. So sind Durchschnittsmilchmengen von etwa 4000L Milch pro Kuh und Jahr ebenso bekannt, wie Bella, eine Kuh die regelmäßig mit Rekordmilchmengen in den Zeitungen präsent war. 

 

Während einer Präsidentschaft mit Handelsverträge und der Aufbau von Beziehungen mit den nun neuen Nachbarländern, der Einführung des Schilling, Elektrifizierung der Bundesbahnen und nur ein paar zu nennen, war Jauern stets präsent und Hainsich ein Herzensanliegen.

In einem großen Artikel (Wiener Bilder vom 7.Oktober 1928): „Unser Bundespräsident als Landwirt, Bilder vom Mustergut Jauern am Semmering“ http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?apm=0&aid=wrb&datum=19281007&seite=9

 

werden auf zahlreichen Fotos das Gut, Stallungen, Häuser und Bedienstete gezeigt. Im Text findet sich sogar der Lastwagen erwähnt „Die Milch findet auf dem nahen Semmering, wohin sie täglich mit Lastwagen gebracht wird, dankend Absatz.“ – doch ein Foto des Wagens blieb uns leider verwehrt.


Über die "Meilensteine"


Cover der "Meilensteine" - Januar 2019 -  http://www.historische-fahrzeuge.eu/meilenstein.html
Cover der "Meilensteine" - Januar 2019 - http://www.historische-fahrzeuge.eu/meilenstein.html

Regelmäßig schreibe ich für die Zeitung Meilensteine Artikel, welche mit einigen Monaten Abstand zur Erstpublikation dann hier  als gekürzte Versionen zu lesen sein werden.

 

Die "Meilensteine" sind eine der Zeitschriften im österreichischen Oldtimerumfeld mit Fokus, wie jener des dahinter stehenden Vereins, auf österreichische Fahrzeugen. Die Aufarbeitung und Dokumentation der Firmengeschichte österreichischer Automobilfabriken samt eigenem Archiv. 

 

Ich plane auch zukünftig etwa 6 Monate zeitversetzt ausgewählte Artikel von mir hier zu veröffentlichen mit englischer Zusammenfassung. Für den ganzen Artikel und alle Fotos bitte auf die Zeitschrift selbst zurückgreifen. Sie können diese direkt beziehen oder auch in der österreichischen, deutschen oder eidgenössischen Nationalbibliothek sowie beispielsweise der Bibliothek des Technischen Museums Wien einsehen.


The president's Steyr


Kaufvertrag Bundespräsident hainisch über einen Steyr Lastwagen für seinen Bauernhof - Bill of Sale president austria Truck farm

When the later to be President Michael Hainisch was born in 1858, in Schottwien, a small village in Lower Austria, the world was completely different from what he found around himself and had to govern in the mid-1920s. The son of a wealthy cotton mill owner received the best education when neither an automobile nor a republic of Austria were imaginable.

 

After many years in the civil service Hainisch made a steep political career after 1918, first general council of the National Bank and on 9 December 1920, he was eventually elected president. Heinisch, after Seitz, the second president of the young republic, was a compromise between the parties, is described as popular and down to earth, re-elected in 1924 and 1928 after the end of the second term, he stayed in politics and served as trade minister.

 

In 1925, President Dr. Michael Hainisch, as the bill of sales shows us today bought a vehicle from, the "Automobile Department of the Austrian Arms Factory in Steyr", so even before they renamed themselves to Steyr-Werke AG. But unlike you could expect, no (luxury) limousine was bought, but a truck.

 

As the purchase contract of June 18, 1925 specifies, a "truck" described with: "six-cylinder, 2,500kg"for the sum of 17,000 shillings. - one may presume, a Steyr III, which from the 6-cylinder with a total of 3325 cc displacement known from the literature were around 34 hp at 1700 U / min.

The purchase price includes "Bosch light and electric startermotor, a complete set of tools, spare parts, folding side panels, chauffeur seat with leather cushions, a rain canopy, and a spare wheel."

But what did the President need a truck for, and in the middle of his term? 

The short answer is to deliver milk to the village. The longer answer with background must at least go so far that the socially and agriculturally active Hainisch possessed a 651 hectare area near Spital am Semmering and created the "Mustergut Jauern". A complex of several farms, which specialized in alpine livestock and dairy farming at an altitude of about 1200m and served both as a model and as a test site for modernized, partly electrified, agriculture.

 

The multiple honorary doctorate and member of the Academy of Sciences made accurate records of the results. Thus, average milk quantities of about 4,000 liters of milk per cow per year are just as well-known as Bella, a cow that was regularly present in the media with record amounts of milk.

In a large article (Wiener Bilder from October 7, 1928): "Our Federal President as a farmer, pictures of the Mustergut Jauern am Semmering" http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?apm=0&aid=wrb&datum = 19281007 & page = 9

 

The estate, stables, houses and servants are shown on numerous photos. In the text you can even find the truck mentioned "The milk is brought daily by truck to the nearby Semmering village." - but unfortunately there is no photo of the truck available.

 


About "Meilensteine"


"Meilensteine", the German word for milestones and the name of classic and vintage car magazine with 4 issues per year, made by the society of Austrian made vehicles. They get support from the current car industry, looking after a number of historically significant cars, for example of the last emperor or former presidents, and own a large archive. I wrote a few articles, like this one, for the magazine. A few months later I am publishing summaries in German and English, for the full articles please have a look into the magazine, they are available in the Austrian, German und Swiss National Libraries and via the Society of Austrian made vehicles. (http://www.historische-fahrzeuge.eu/fahrzeuge.html)